Neuartige Sichten aus der Körperperspektive | |
Irina Pauls scheut nicht die Auseinandersetzung mit komplexen Stoffen aus Literatur, Theater und Gesellschaft. Im Kafka-Jahr zeigt sie einen völlig neuen Blick auf Gregor Samsa und seinen Schöpfer, deren Leben und deren Innerstes. Irina Pauls analysiert, präzisiert und spitzt zu - mit Energiefluss, Dynamik, Rhythmus, Raum, Phantasie und Fiktion - alles aus Sicht der Körperperspektive. | Dabei setzt die Choreografin diesmal nicht nur auf zeitgenössischen Tanz, sondern auf das Zusammenspiel verschiedener Materialien am rauen Ort, sensibler Klänge und der Verletzbarkeit des menschlichen Körpers in der Industriearchitektur. |
| „Kafkas Verwandlung“ ist keine tänzerische Darstellung der gleichnamigen Erzählung "Die Verwandlung" von Franz Kafka. Die Choreographie untersucht das Wechselspiel und das Verhältnis zwischen der Person Kafka und seiner Figur Gregor Samsa. Während der Aufführung steht es jedem offen, sich innerhalb des Aufführungsraumes zu bewegen. Durch diesen Verzicht auf eine zentrale Perspektive entstehen weitere – vom Zuschauer gestaltbare – Blickwinkel auf die Aufführung. Darüber hinaus reagieren die Tänzer auf die Bewegungen des Publikums. Durch den interaktiven Prozess zwischen Zuschauern und Tänzern wird jede Vorstellung von „Kafkas Verwandlung“ zu einem unwiederholbaren Ereignis. |
Im Mittelpunkt des Stückes steht die sich immer mehr verändernde Fremd- und Selbstwahrnehmung. An der Erzählung interessiert der Aspekt der Ausgrenzung – sich als Käfer unter das Getier zu legen, um erlöst zu werden; sich als Ungeziefer auf dem Boden dem Aufrechtstehen zu entziehen; anderen die Verantwortung für die eigene Unfähigkeit zu entziehen. | Die Szenen beschäftigen sich mit der medizinisch- und bewegungstechnischen Untersuchung des „Fremdkörpers“ Gregor/Kafka als Reduktion auf körperliche Funktionalität, mit dem Druck des Erfüllungszwangs in der Arbeitswelt, mit dem Verlust des Verhältnisses zu Raum und Zeit als Schutz vor der Bewältigung täglicher Lebensanforderungen, mit der Familie als Hort der Vereinsamung durch die Zucht einer pragmatischen Erziehung, mit dem unerfüllten Bedürfnis nach privatem Raum zur eigenen Entfaltung, mit dem Ekel. Premiere war am 29. Oktober 2008 |
MITWIRKENDE Tanzstück von: Irina Pauls |
Plastiken/Bühnenbau: Hans Hoepfner |
Fotos: Olaf Martens/LTT (oben); Rolf Arnold (unten)
Irina Pauls – Kafkas Verwandlung: Video anschauen